VIER VOM FACH

Text von Maria Brömel


Die Staatlichen Fachschulen in Hochfranken sind klein und top. Sie machen aus Talent Kompetenz und aus jungen Menschen Fachleute – für Kleidung in Naila, für Stein und Gestaltung in Wunsiedel.
Karriereziel hat vier Schüler getroffen.

Katharina Gutt

© Katharina Gutt

Das ist meine Story:

Katharina Gutt arbeitet nicht nur an exakten Nähten, sondern auch an ihrer Karriere als Bekleidungstechnikerin. Mode, betriebswirtschaftliches Denken und ökologisches Bewusstsein gehören für sie fest zusammen.

Katharina Gutt (24) stoppt die Nähmaschine. Warum sie an die Bekleidungsfach-schule nach Naila kam? Es sind drei Fäden, die zur Antwort zusammenlaufen: Erstens ihre Begeisterung fürs Nähen. „Als Teenager hat es mir meine Oma beigebracht. Am Anfang war jede Naht krumm und schief, aber am Ende war die Kochschürze fertig: Ein Erfolgserlebnis.“ Es folgen Täschchen für Freundinnen, Katharina ändert ihre Kleidung, entdeckt das Upcycling für sich. Zweitens ihre Überzeugung, dass Handwerk wertvoll ist. Katharina hätte studieren können, sie aber wollte „was Handfestes, weil alle in meiner Familie eine handwerkliche Ausbildung haben. Ich will nicht gleich als jemand Studiertes in einen Betrieb kommen und den Leuten was erzählen.“ Das dritte Argument: Die Ausbildung in Naila ist für die Sächsin, Katharina stammt aus Frankenberg, einfach attraktiv. Die Schule bildet bekleidungstechnische Assistenten aus. Wer schon ein Jahr in einem Bekleidungsberuf gearbeitet hat, kann sich zum Bekleidungstechniker fortbilden – beides dauert zwei Jahre. „Wer direkt von der Schule kommt, lernt erst mal, wie man eine Industrienähmaschine einfädelt“, sagt Schulleiterin Monika Nestvogel. „Dann lernt er Stoffe, Materialien, Fasern kennen, fertigt Schnittzeichnungen an, lernt, 3D-Formen auf 2D-Waren zu übertragen, Kosten zu kalkulieren.“ Die Weiterbildung zum Bekleidungstechniker, die Katharina absolviert, geht einige Schritte weiter: „Wir bilden Führungskräfte der mittleren Ebene aus. Sie kennen die Prinzipien der Personalführung, gehen aber auch ins Qualitätsmanagement, werden als Direktricen eingestellt, d.h. sie erstellen Schnitte, wandeln sie ab, gehen in die Produktionsplanung, können Nähsäle organisieren, auch im Ausland.“


Die Bekleidungsfachschule ist mit Schnitt-programmen, Plottern, Schnellnähern, Knopf-Annäh-Automat und Schweiß-maschine ausgestattet. Die Klassen sind luxuriös klein: „Hier ist alles so familiär, dass man immer eine Bezugsperson hat“, so Katharina, „ich bin nicht nur eine Nummer, sondern werde gesehen und gekannt, sehr freundlich und offen. Ich geh gern in die Schule, und das konnte ich vorm Abitur nicht unbedingt behaupten. Bei Praxisprojekten lassen uns unsere Lehrer auch mal freie Hand – diese Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken, ist das Schöne hier.“


In Hochfranken sitzen innovative Bekleidungsunternehmen, die inzwischen so dringend Fachleute suchen, dass sie sich direkt an die Schule wenden. Katharina war bei bleed in Helmbrechts und Frank Walder in Münchberg und hat ganz Spezifisches gelernt: „Bei bleed den achtsamen Umgang mit der Natur und den Menschen. Ohne ihn bringt die hübscheste Mode nichts. Bei Frank Walder, dass man mit Struktur und Ordnung viel von dem, was man sich in den Kopf gesetzt hat, erreichen kann.“ Später will sie beide Teile zusammennähen – in einem Unternehmen, das in einem perfekt organisierten Produktionsablauf nachhaltige Mode macht: „Das wäre mein Idealbild.“

Kanzlerkopf: Für ein Praxisprojekt modellierte der damalige Fachschüler Moritz Zahn den Kopf von Helmut Schmidt aus Gips.
© Fachschule für Steintechnik und Gestaltung Wunsiedel

Das Gegenteil von grauer Theorie: Die Aus- und Weiterbildung an der Bekleidungsfachschule Naila setzt stark auf Praxis.
© Maria Brömel

David Tuna

© Maria Brömel

Das ist meine Story:

Mehr als Stein: Als Gestalter ist David Tuna in der Lage, ganz verschiedene Werkstoffe zu bearbeiten und zu kombinieren: Neben Stein z.B. auch Metall, Holz, Porzellan und Textil


David Tuna (27) legt den Fäustel weg. Warum er sich für die Fachschule für Steintechnik und Gestaltung in Wunsiedel entschieden hat? „Ich stamme aus Holzkirchen und habe in München Steinmetz gelernt. In der Lehrzeit gab’s ganz oft die Situation, dass ich Fragen hatte – zum Hintergrundablauf, über Planung – und da hat der Vorabeiter immer gemeint, das hat mich nicht zu interessieren. Er wusste es selbst nicht. Mein Wissensdurst hat aber nicht aufgehört.“
David bildet sich fort – zum Steinmetz in der Denkmalpflege, lernt die Fachschule in Wunsiedel kennen und beschließt, sich hier noch einmal weiterzubilden.
Für die zweijährige Ausbildung zum Stein-techniker müssen die Bewerber eine abgeschlossene Berufsausbildung im Stein-metz- oder artverwandten Handwerk mitbringen. Das gilt auch für die ebenfalls zweijährige Weiterbildung zum Gestalter mit Schwerpunkt interdisziplinäre Gestaltung, die David absolviert: Ein Abschluss, den es so nur in Wunsiedel gibt, und der Schüler aus ganz Deutschland und dem Ausland hierherzieht. „Es gibt immer weniger Steinmetz-Azubis, wir mussten unseren Zugang erweitern“, sagt Schulleiter Jürgen Wunderlich. „Gestaltung war für uns folgerichtig – von Garten- und Landschaftsbau bis Bildhauerei: Gestaltung ist das Verbindende.“ Neben Steinmetzen und Zimmerern werden auch Köche und Elektriker zugelassen. Wer Buffet-Landschaften entwirft oder Licht und Sound designt, ist kein reiner Handwerker mehr. Wichtig ist trotzdem ein Händchen fürs Handwerkliche, für Skizzen und Schriften – und ein kreativer Blick. Gestalter verbinden Stein, Metall, Holz, Glas, Porzellan, Kunststoff und Textil zu individuellen Stücken: Tischen, Leuchten, Skulpturen.
Die Klassen sind auch in Wunsiedel sehr klein: „Die Lehrer können sich sehr gut auf den Einzelnen fokussieren“, sagt David. „Wenn ich Fragen habe, sind sie immer greifbar. Ich kann tiefer in die Materie gehen. Hier werden meine Fragen beantwortet.“ Wohin es nach der Weiterbildung geht, ist für David noch offen. „Ich spiele mit der Restaurierung, kann mir aber auch vorstellen, in einem Technikerbüro zu arbeiten oder in Richtung Gestaltung zu gehen, Studium wäre auch eine Idee.“

Marlene Wilke

© Maria Brömel

Das ist meine Story:

Marlene Wilke hatte schon mit zwölf einen Hang zur Mode. Um die Welt jetten, für Star-Designer arbeiten, ein eigenes Modelabel an den Start bringen: All das kann sie sich gut vorstellen.

Marlene Wilke (20) legt die Schere beiseite. An der Bekleidungsfachschule Naila verfolgt sie vor allem ein Ziel: „Ich will nähen lernen. Schon mit zwölf habe ich mich für Mode interessiert, mir die Leute ganz genau angeschaut, überlegt, was zu ihnen passen würde. Modedesign, das will ich machen.“ Die Zwickauerin macht nach der Realschule ihr Fachabi für Gestaltung und bewirbt sich im erzgebirgischen Schnee-berg für den Studiengang Modedesign. Ihr Zeichentalent überzeugt, Marlene wird angenommen. Trotzdem geht sie zuerst nach Naila. „Ich konnte eben nur zeichnen und wollte sichergehen, dass ich auch die Näh-Grundlagen habe.“ Dass sich ihre Lehrer so gut in der Branche auskennen, findet Marlene gut. Bei Sommermann in Boben-grün modelt sie. Ihre prägendste Praxis-erfahrung aber ist, für eine Fashion Show der international erfolgreichen Modedesignerin Marina Hoermanseder zu arbeiten, in deren Kleidern Rihanna und Dorothee Bär spektakulär aussehen. Marlene ist „helping hand“ bei der Show – „eine krasse Erfahrung. Ich durfte einen riesigen bunten Pelzrock mit der Hand zusammennähen, das hat einen ganzen Tag gedauert. Wir haben vor der Show alle kaum geschlafen, aber es war absolut cool, Teil dieser Kollektion sein zu dürfen.“ Das ganz große Fashion-Business, für große Designer arbeiten, daneben vielleicht ein eigenes Label aufbauen – das ist Marlenes Traum. Schulleiterin Monika Nestvogel betont, dass Job-Aussichten nicht nur in der Mode liegen: „Berufs-, Sicherheits- und medizinische Bekleidung: Auch da sind Arbeitsplätze.“ Nailaer Absolventen arbeiten heute z.B. für regionale Unternehmen wie Müller Maßhemden, Faber Strick, Cube, Medi, Cybex, aber auch für S.Oliver, Schöffel, Triumph, Hugo Boss und Escada.

Robert Grießhammer

© Maria Brömel

Das ist meine Story:

Zuerst sind seine Ideen im Kopf, dann auf Papier, erst dann werden sie Stein. Mit seinem Wissen aus der Fachschule für Steintechnik und Gestaltung bringt Robert Grießhammer neu-en Wind in einen Helmbrechtser Steinmetzbetrieb.

Robert Grießhammer (28) spitzt seinen Zeichenstift. Für den Helmbrechtser ist die Fachschule für Steintechnik und Gestaltung in Wunsiedel das glückliche Ende einer Achterbahnfahrt: Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, nachgeholtes Abitur, abgebrochenes Studium, dann doch Steinmetzhandwerk wie der Vater. „Ich habe in meiner Freizeit viel im Betrieb geholfen, das fand ich immer gut. Tatsächlich hat mir die Ausbildung dann so viel Spaß gemacht, dass ich mein Wissen vertiefen wollte.“ An der Fachschule bekommt Robert „das komplette Background-Wissen, auch zu Unternehmensabläufen, und die gestalterischen Ansätze, Ideen umsetzen zu können. Wir arbeiten an Projekten von der Planung über die Modellerarbeitung bis hin zur Verwirklichung des Produkts – mit der Vermarktung schon im Hinterkopf. Dieses Gesamtpaket, zusammen mit der nahen Betreuung, ist sehr gut.“ Für Cube entwerfen die Schüler einen Wettbewerbspokal, mit KaGo & Hammerschmidt Felsen-landschaften, für die Stadt Waldsassen Skulpturen für den Ortseingang. Fichtelgebirgsgranit spielt eine Rolle, wenn Schüler aber lieber mit Carrara-Marmor, indischem Sandstein oder norwegischem Quarzit arbeiten wollen, kann alles beschafft werden.

Die Fachschule in Wunsiedel verlassen Robert und David mit drei Titeln: Steintechniker, Gestalter und Meister. Robert will danach im Unternehmen des Vaters neue Wege gehen: „Früher war das ein reiner Grabmal-Betrieb, heute sind wir viel im Bau tätig. Die Kombination natürlicher Materialien wie Stein und Holz, in Küchen- und Wohnzimmermöbeln, da sehe ich großes Potenzial.“

„Die Gestalter machen sich selbständig oder besetzen in Firmen die mittlere Führungsebene“, sagt Jürgen Wunderlich, „als Abteilungsleiter, als Polier im Handwerk. Die Chancen sind sehr gut. Wir erleben aktuell, dass Headhunter an die Schule kommen.“ Gestalter aus Wunsiedel designen Architektur, veredeln Wohnräume mit Naturstein, fertigen Tisch-Unikate an, statten Jachten mit individuell designtem, leichtem Natursteinfurnier aus. Dass Steinmetze auf ewig nur Grabsteine bearbeiten, ist nirgendwo in Stein gemeißelt.


Leuchtende Steine

Steine leuchten – wenn sie von Schülern der Fachschule für Steintechnik und Gestaltung Wunsiedel dazu gebracht werden. In Projektarbeiten vereinen die angehenden Steintechniker und Gestalter Stein und Licht.

© Fachschule für Steintechnik und Gestaltung Wunsiedel