Phönix aus der Asche

Text von Jörg Raithel


Bilder von der SelbWERK GmbH

Selb ist ein gutes Beispiel dafür, wie unternehmerischer Erfolg und Vitalität einer Region zusammenspielen. Die Porzellanstadt stand jahrelang exemplarisch für den Absturz der Region. Einst schillerndes Zentrum der deutschen Porzellanindustrie, hat der Strukturwandel die Stadt arg gebeutelt. Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der zentrale Industriezweig der Stadt fast komplett weggebrochen – damit auch ein Stück Seele von Selb. Die Folgen waren der Verlust von Arbeitsplätzen, Wegzug, eine verödende Stadt. Die Einwohnerzahl sank von einst über 24.000 auf unter 15.000.

Selb steht aber auch für die Wiedergeburt, für das sich-wieder- Aufrappeln nach der Krise, das sich-neu-Erfinden. Wirtschaftlich gesehen hat die Stadt zu alter Stärke zurückgefunden, ist heute aber diversifizierter und ausgewogener aufgestellt, damit vielleicht auch nachhaltiger und weniger anfällig für künftige Umbrüche. Neben die alteingesessenen Porzellangrößen wie Rosenthal oder BHS tabletop sind neue Spieler getreten: Unternehmen aus der Elektrotechnik, der Automobilzulieferindustrie, aus dem Maschinenbau oder aus der Textilbranche. Unternehmen wie RAPA, NETZSCH, Linseis, Vishay, TRW, Drechsel. Sie sind erfolgreich, wachsen und brauchen Mitarbeiter. Und der Erfolg der Unternehmen gibt der Stadt die notwendigen Impulse für ihre Entwicklung.

Gesund-Schrumpfung ist Teil des Neuanfangs


Helmut Resch ist leitender Baudirektor der Stadt Selb und Geschäftsführer der SelbWERK GmbH, der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Der 60-Jährige ist seit 1990 in Diensten der Stadt, hat deren Abstieg miterlebt, und gestaltet heute das neue Selb maßgeblich mit.

Zu sehen ist Helmut Resch, der an seinem Schreibtisch sitzt

Helmut Resch

Baudirektor der Stadt Selb und Geschäftsführer der SelbWERK GmbH

Das ist meine Story:

Der Wohnungsmarkt ist auch immer ein Ausdruck der Gesundheit einer Stadt und einer Region. Zur Jahrtausendwende lag die Region am Boden. Auf dem Wohnungsmarkt hatte sich durch die Krise ein Mietermarkt entwickelt. Der Leerstand war hoch, die Mietpreise niedrig. Für Eigentümer gab es kaum Anreize, in den Bestand zu investieren. Der Zustand vieler Häuser und Wohnungen war, gelinde gesagt, modernisierungsbedürftig“, erinnert er sich. Leerstand, verfallene Häuser, bröckelnde Fassaden – morbider Charme einer damals schwerkranken Stadt.
Im Jahr 2000 haben wir die Situation analysiert und eine Strategie für den Wohnungsbau und die Stadtentwicklung in Selb entwickelt, die sich an künftigen Bedürfnissen orientieren soll. Wir hatten einen unheimlichen Investitionsstau und ein Überangebot. Von den einst 1.400 Wohneinheiten, die im Besitz der GEWOG waren, dem Vorläufer der SelbWERK GmbH, haben wir 300 ersatzlos abgerissen, 600 wurden verkauft.

Wie haben uns bewusst gesund geschrumpft und die Privatisierungserlöse konsequent in die Modernisierung der verbleibenden 500 Wohnungen und in Neubauten reinvestiert. Unsere Devise war Klasse statt Masse.“ 22 Millionen Euro sind so in den vergangenen Jahren in den Wohnungsbau geflossen. „Dabei war uns immer wichtig, dass wir die Bewohner am Prozess beteiligen und niemanden hinaussanieren, so wie das heute in vielen Großstädten der Fall ist. Mit diesem Ansatz sind wir sehr gut gefahren. Der Wohnungsbestand der SelbWERK GmbH ist jetzt auf sehr gutem Niveau. Die Leerstandsquote haben wir auf unter ein Prozent gesenkt. Ein Drittel aller Wohnungen ist barrierefrei.“

Infrastruktur ist die Basis einer attraktiven Stadt


Die Einführung eines integrierten Stadtentwicklungskonzepts im Jahr 2003 war dann der Anstoß für einen ganzheitlichen Entwicklungs- und Umbauprozess der Stadt, der nicht nur die Wohnsituation betrifft, sondern sämtliche Funktionsbereiche einer Stadt. „Selb war Pilotstadt im Forschungsprogramm ‚Stadtumbau-West‘ des Bundesbauministeriums“, sagt Resch. „Gemeinsam mit 15 weiteren Städten in den alten Bundesländern haben wir neue Instrumente zur Stadtentwicklung erprobt. Auf dieser Grundlage wurden wichtige Projekte durchgeführt, darunter der Neubau der Musikschule und der Sporthalle der Dr.-Franz-Bogner-Schule, die energetische Sanierung des Hallenbades, der Neubau des Hauses der Tagesmütter und des Jugend- und Familienzentrums.“

Zu sehen ist ein buntes Gebäude, das Haus der Tagesmütter
Zu sehen ist ein modernes, graues Gebäude

Selb investiert in einer Zeit, als viele die Stadt schon totgesagt hatten. Antizyklisch sozusagen. Heute hält die knapp 17.000 Einwohner zählende Kommune ein Angebot vor, das im Vergleich zu anderen Städten überdurchschnittlich ist. „Welche Stadt dieser Größe hat ein eigenes Theater, eine Eissporthalle, ein Hallenbad, ein Museum in dieser Qualität?“, fragt Resch und ist sich der Bedeutung bewusst. „Wir wollen und brauchen solche Einrichtungen, um langfristig als Wohnort attraktiv zu sein.“

Talsohle der Einwohnerentwicklung ist überwunden


Zu sehen ist ein Raum mit Spielgeräten für Kleinkinder

„Der Turnaround ist geschafft“, sagt Resch. Seit einiger Zeit wächst die Einwohnerzahl wieder. Nicht nur viele Ehemalige, die ihre Heimat einst wegen fehlender Berufsperspektiven verlassen haben, kehren zurück, häufig mit Partnern und Kindern. Auch für Familien aus Ballungsräumen, die die Vorzüge des Lebens in einer Kleinstadt schätzen, ist Selb zu einer guten Adresse geworden. Das hat wiederum Einfluss auf andere zentrale Bereiche. „Diese Familien brauchen Wohnraum, Betreuungsplätze, Plätze in Schulen. Die Leute wollen konsumieren, sich erholen und Kultur erleben. Wir haben den Teufelskreis ins Positive umgekehrt“, ist sich Resch sicher und blickt zuversichtlich in die Zukunft.

Es ist viel in Bewegung in Selb. Allein für das Jahr 2019 sind 30 investive Projekte geplant oder zur Umsetzung vorgesehen, darunter die Erschließung von vier neuen Baugebieten, ein Designcafé, der Neubau eines Kindergartens, die Erweiterung eines bestehenden Kindergartens, die energetische Sanierung des Rathauses und einer Grundschule, der Ersatzneubau der Stadtbücherei und eine neue Innenstadtpassage.

Die Bayerisch-Tschechischen Freundschaftswochen in vier Jahren werden der Stadt einen zusätzlichen Schub geben. „Die Freundschaftswochen sind nicht nur ein kulturelles Großereignis mit Veranstaltungen über mehrere Monate hinweg“, sagt Resch, es gehe auch um nachhaltige Stadtentwicklung. Elf Maßnahmen sind geplant. Beispielsweise die Aufwertung der städtischen Parks, das Anlegen eines Strandes am Selbbach, ein neuer Wasserspielplatz oder die Neugestaltung des Bahnhofsplatzes. Insgesamt werden bis 2023 8,2 Millionen Euro in Infrastrukturmaßnahmen investiert.

Private Investitionen ziehen nach


Diese Impulse lösen wiederum private Investitionen aus. Das Vertrauen in die Stadt und die Region ist wieder zurückgekehrt. Nach Jahren des Stillstandes im privatwirtschaftlichen Sektor gibt es wieder Investitionen. In den nächsten Jahren werden mehrere Neubauprojekte mit Eigentumswohnungen realisiert. Die Großinvestition in das Outlet wird die Innenstadt nachhaltig verändern und aufwerten und soll Selb auch als Einkaufsstadt noch attraktiver machen. 

Gropius ist Vorbild für Stadtentwicklung


Bei all diesen Projekten haben die Planer hohe Ansprüche an Ästhetik und Design. Selb soll wieder zu einer Stadt des Designs werden. Wieder, weil Design hier schon immer eine große Rolle spielte. „In der Porzellanindustrie haben internationale Künstler sehr früh hochwertige Produkte gestaltet, die auch immer mit Selb in Verbindung gebracht wurden“, sagt Resch. Die Fachschule für Produktdesign habe nicht zufällig ihren Sitz in Selb. Auch städtebaulich habe die Stadt früh hohe Maßstäbe gesetzt. Ende der 1960er Jahre hat der renommierte Architekt Walter Gropius für die Stadt Selb einen wegweisenden Stadtentwicklungsplan erarbeitet. „Daran möchten wir wieder anknüpfen, und dieser Anspruch soll sich auch in der Architektur widerspiegeln. Wir möchten wertige Architektur schaffen. Viele Bauprojekte der Stadt werden deshalb im Rahmen von internationalen Architekturwettbewerben ausgeschrieben. Externe Planer haben häufig einen unvoreingenommenen Blick auf die Dinge. Davon können wir als Stadt nur profitieren“, ist Resch überzeugt.

Wahnsinn in den Ballungszentren ist Chance für kleine Städte


„Es ist eine spannende Zeit und Selb eine Stadt mit sehr viel Potenzial, wirtschaftlich und als Ort zum Leben. Ich kann jedem nur raten, bevor voreilige Urteile über den ländlichen Raum gefällt werden, sich die Situation genauer anzuschauen. Die verrückte Preisentwicklung in den Ballungsräumen ist eine Chance für uns. Wenn wir attraktive Angebote machen und unserer Linie treu bleiben, dann werden wir eine gute Zukunft haben. Hier lässt es sich gut und stressfrei leben.“