Die Scovillionäre

Benze, Jessi und die scharfen Sachen


Ein Text von Götz Gemeinhardt; Bilder von Romina und Götz Gemeinhardt

Zu sehen ist Jürgen Bendzinski mit einer Chilischote im Mund

Jürgen Bednzinski

Sänger, Beamter und Chiliexperte

Das ist meine Story:

Rotschwarzes Karohemd, braune Cordweste, Trucker Cap und eine unübersehbare Gürtelschnalle des Schweizer Plattenlabels Voodoo Rhythm Records, das spezialisiert ist auf rebellische Musik der Fünfziger Jahre. Das ist kein Outfit, das morgens zufällig aus dem Kleiderschrank fällt. Das ist Absicht. Das ist ein Statement. „Wer mich sieht, denkt nicht, dass ich bei der Polizei bin“, sagt der Träger der Klamotten und kinnlanger Koteletten. „In den vergangenen dreißig Jahren habe ich einen gewissen Charakter entwickelt und gepflegt – immer auf der Suche nach etwas Neuem, Speziellem, Anderem.“ Jürgen Bendzinski heuert 1990 beim Bundesgrenzschutz in Coburg an; die Perspektive auf bundesweite Einsätze reizt den 18-Jährigen. Heute ist ihm die Heimat – Hochfranken, das Fichtelgebirge – wichtiger. Seit 2010 verrichtet der Beamte seinen Dienst in der Bundespolizeiinspektion Selb, manchmal auch an Brennpunkten in Nürnberg und München. Als Kind lernt Benze von seinem Musiklehrer Gitarre spielen: „Zum ersten Mal ein Lied von den Ramones nachzuorgeln, das hat mich gekickt.“ Er wird Sänger und Gitarrist in Punk- und Rockabilly-Bands; heute ist er Kopf von Dr. Benze & The Hellboys.

Bis Mitte der Neunziger trägt Benze eine riesige Sammlung von Originalfilmen aus Videotheken zusammen – Italowestern und Horrorfilme. Er tauscht Cassetten mit einem Schweizer und der bedankt sich mit einem Paket: „Der Filmfreak war auch ein Chilifreak und hat mir eine Jungpflanze und ein Päckchen Chilipulver geschenkt. Zwischen Gurken und Tomaten habe ich den Setzling in die Erde gesteckt und im Spätsommer hingen prächtige Früchte dran. Das hat mich fasziniert.“ Im Internet entdeckt Bendzinski die Sorte: Joe’s Long Cayenne. Er liest sich in die Chiliwelt ein, nimmt Kontakt mit einem Samenhandel auf Mallorca auf, schafft sich Pflanzen aus den Anden an, die vier Meter hoch werden können. Benze muss sich überlegen, was er mit den vielen Chilis aus seinem Gewächshaus in Thiersheim anfängt. „Ich habe mich einfach mal an einer Sauce versucht und ein paar Zutaten in einem Nudeltopf zusammengerührt. Chili, Ananas, Mango, Banane – die süßsaure Jamaican Lady, abgefüllt in alte Gurkengläser, war der Renner bei Grillfesten.“ Ein Kumpel gestaltet 2008 ein Logo und ein Etikett, auf dem handschriftlich, Inhaltsangaben eingetragen werden können. Von da an tragen die Soßen den Namen Burnin‘ Benzes Chili-Spezialitäten.

Zu sehen ist die Familie Bendzinski

„Alles, was wir produzieren, schmeckt uns auch.“ – Benze und Jessi

„Wir haben uns gesucht und gefunden“, sagt Benze über die Frau, die seine Leidenschaften teilt – Rock’n’Roll, Italowestern und natürlich Chili: Jessica Persson hat die Marke Burnin‘ Benze, die Produktion und den Handel mit aufgebaut, nachdem sich die beiden auf regionalen Garten- und Weihnachtsmärkten einen Namen gemacht hatten. 2014 melden sie ein Kleinunternehmen an, zwei Jahre später haben sie ein „richtiges“ Gewerbe und beziehen eigene Räume, angebaut an ihr Wohnhaus und zugeschnitten auf die Bedürfnisse des Unternehmens: „Die Investition hat sich gelohnt, die Arbeit ist viel leichter und effizienter geworden, Küche, Lager und Büro sind unter einem Dach. Vorher“, erinnert sich Jessi, „mussten wir Töpfe, Zutaten, Messer, Kellen, Trichter und Flaschen mit dem VW-Bus ins katholische Gemeindehaus bringen, um dort zu kochen, weil es in privaten Räumen nicht erlaubt ist. Das Lager war im Keller von Benzes Mutter Margit.“ Im Hauptberuf ist Jessi Technische Leiterin einer Jugendhilfeeinrichtung; gelernt hat sie Bürokauffrau und Hauswirtschafterin. Sie ist 34, seit dreizehn Jahren mit Benze zusammen und hat sich Weihnachten 2018 mit ihm verlobt.Ihr gemeinsamer Sohn Henri ist vier, Luis, Benzes Sohn aus erster Ehe, 16.

„Chili ist speziell wie ich. Er stellt meinen Charakter perfekt dar.“ – Benze

Burnin‘ Benze ist eine Manufaktur und soll eine Manufaktur bleiben. Sie arbeitet mit 50-Liter-Töpfen, stellt alle Produkte in Handarbeit her und füllt sie manuell ab. „Eine Soßen-Kochcharge reicht für circa 150 Flaschen. Wenn wir eine Palette verschicken, ist das Lager fast leer. Wir könnten also keine hundert Supermärkte beliefern“, sagt Jessi. „Unser Privatleben ist uns auch viel wert; jeden Tag in der Küche stehen, das wollen wir uns nicht antun.“ Eigentlich hatten sie vor, auf kleiner Flamme zu kochen, für Leute, die ein Faible für Spezielles haben, wie sie selbst. Dank extrem gestiegener Nachfrage ist Burnin‘ Benze aber Partner einiger Märkte von REWE und EDEKA geworden, hat Kunden in Österreich, der Schweiz und in England. Der neue Online-Shop hat in diesem Jahr eröffnet.

Zu sehen ist ein Regal, voll mit verschiedenen Gewürzen
Zu sehen sind mehrer Körbe voller Chillischoten

„Im Keller brennt schon wieder das Kunstlicht“, verrät Benze noch. Für „Bonchilis“, die mal wie Bonsaibäumchen aussehen sollen. „Die habe ich aus Chilipflanzen gezüchtet. Das Tüfteln mit Kreuzungen bringt mir Nervenkitzel und ich kann vom Alltag abschalten. Ohne Garten könnte ich nicht sein und ohne Chilis auch nicht.“ Von scharfem Essen hielt Chilibilly Bendzinski aber gar nichts – bis zu jenem Tag, an dem ihn die Chilipost aus der Schweiz erreichte. „Ich kannte nur scharfes Gewürz auf dem Döner, mit billiger Schärfe und Brennen im Hals. Schärfe kann aber so viel eleganter sein.“ Welche scharfe Lawine sein Präsent losgetreten hat, hat der Schweizer übrigens nie erfahren.

„Wir haben uns hier was Schönes geschaffen – Haus und Kinder, Freunde und Familie in der Nähe.“ – Benze und Jessi