ALLES VLIEST

Text: Maria Brömel, Fotografie: Sandler AG


Dr. Christian Heinrich Sandler

Vorstandsvorsitzender der Sandler AG

Das ist meine Story:

„Wir arbeiten heute an übermorgen“: Dr. Christian Heinrich Sandler ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender der Sandler AG, dem innovativen und wachstumsstarken Weltmarktführer der Vliesstoff-Industrie.

Wer Lebensläufe von Geschäftsführern oder Vorstandsvorsitzenden liest, bekommt leicht den Eindruck, alles folge ganz logisch und geplant aufeinander. Die Wahrheit ist: Eine Karriere ist nicht immer ein durchorganisierter Masterplan, es gibt Umwege, Unwägbarkeiten, Zufälle, denn niemand kennt die Zukunft. Jede Karriere beginnt mit einem ersten Schritt. Bei Dr. Christian Heinrich Sandler (67) war das vor über fünfzig Jahren die Entscheidung, seine Laufbahn im Familienunternehmen Sandler zu beginnen. Vorstandsvorsitzender zu sein, konnte er sich damals noch nicht vorstellen. Und doch ist er es heute: Vorstand eines der wachstumsstärksten Unternehmen weit und breit.

Die Sandler AG aus Schwarzenbach an der Saale zählt zu den größten Vliesstoffherstellern der Welt und ist Weltmarktführer ihrer Branche.
International und in Hochfranken hat der Name „Sandler“ einen sehr guten Klang
. Woran das liegt? Hier sind zehn Gründe.

Sandler-Vliese gehen in verschiedene Märkte: Wipes, Filtration, Transportation, Hygiene, Bau, Heimtextil. Die Vliesstoffproduktion am Standort Schwarzenbach an der Saale bietet topmoderne Arbeitsplätze.

Gegründet wurde Sandler 1879 als Wattefabrik in Hof. Maschinen zerrissen alte Stoffe in Fasern und verarbeiteten sie zu Industrie-watte für die Möbelherstellung. Zwanzig Jahre nach der Gründung verlegte Sandler zum einzigen Mal seinen Standort und zog an die Lamitzmühle am Rand von Schwarzenbach an der Saale, wo Wasserkraft die Maschinen antrieb. Heute bildet Sandler ein eigenes Industriegebiet: Fünf Werke, nagelneue Verwaltungsgebäude, 940 Mitarbeiter; der Jahresumsatz hat sich in zwanzig Jahren mehr als verdreifacht und liegt 2020 bei 328 Millionen Euro. SANDLER FLORIERT.

Sandler-Vliese flexibel zu nennen, ist untertrieben. Sie sind weich wie Stoff, robust wie Kunststoff, voluminös wie Schaum. Sie machen Babywindeln saugstark, Kosmetiktücher sanft, dämmen Motorräume, verbessern Luftfilter, Verpackungen und Staubsaugerbeutel, optimieren Gebäude-Akustik und polstern noch immer Möbel. Auch, wenn wir nirgendwo ein Sandler-Label sehen, SANDLER IST ÜBERALL.

Komplexes Denken und einen genauen Blick: Beides brauchen Sandler-Azubis im technischen Bereich.

„Wir denken nicht in Vliesen“, sagt Dr. Christian Heinrich Sandler, „sondern in Problemlösungen. Unsere Märkte haben ständig neue Anforderungen.“ Der Hygienemarkt verlangt nach Produktneuheiten, der Automotive-Sektor nach besseren Dämm- und Filterlösungen. Einmal innovativ zu sein, genügt nicht, Sandler muss es permanent sein. Sobald ein Vlies auf dem Markt ist, ist sein Nachfolger schon entwickelt und Sandler arbeitet am übernächsten. So kurz Produktzyklen seien, Entwicklung braucht Zeit. Sich zurücklehnen und abwarten, was der Markt macht, das kann der Weltmarktführer nicht. „Wir arbeiten an besseren Verfahrenstechniken, investieren in moderne Maschinen, konzipieren und optimieren mit unserem Engineering neue Produktlinien. Einfach ist das nicht. Auch wir haben unsere Flops, erleben, dass Artikel an die wir glauben, nicht angenommen werden.“ Das muss Sandler kompensieren. An der Spitze steht das Unternehmen nur, weil es Erneuerung als seine zentrale Aufgabe angenommen hat. SANDLER IST INNOVATIV.

In über 140 Jahren gab es natürlich auch Schwierigkeiten – Zonenrandlage, Wirtschaftskrisen. Die Corona-Pandemie ist ein anderes Kaliber: Der Automotive-Markt brach ein, ebenso die Aufträge im konsumnahen Sektor der Matratzen- und Möbelherstellung. Die Montage von Produktionsanlagen am US-Standort Perry (Georgia) verzögerte sich, weil Monteure nicht einreisen durften, Unsicherheit machte sich auf den Märkten breit. Gleichzeitig waren bestimmte Vliesstoffe gefragt wie nie, weil sie für Masken dringend gebraucht wurden und plötzlich überall Engpässe herrschten. „Mich hat ein Klinikchef angerufen, mit der verzweifelten Bitte, ihm bei der Beschaffung von OP-Masken zu helfen“, sagt Sandler. „Aber auch Mitbürger haben sich bei uns gemeldet: Können Sie mir helfen, ich habe Angst. Mich hat das umgetrieben.“ Sandler organisierte einen Direktverkauf und produzierte extra dafür kurze, leichter transportable Vliesstoffrollen. Gleichzeitig löste Sandler das Engpass-Problem auf höchster Ebene, mit dem Aufbau einer Maskenvliesproduktion in großem Stil. Das Ziel von Bundes- und Staatsregierung lautete, eine komplette Produktionskette im Inland zu schaffen, vom Rohstoff bis zur fertigen Maske, und das so schnell wie möglich. „Der Bayerische Wirtschaftsminister wollte mich sprechen, ich fragte meine Sekretärin, welche Terminvorstellungen er habe, da sagte sie zu mir: Nein, nein, er sitzt im Auto, in einer Stunde ist er hier.“ Sandler investierte in eine neue Meltblown-Anlage, in der aus Kunststoffgranulat hauchdünne Fasern extrudiert werden, hundertmal dünner als ein menschliches Haar. Mit ihrer großen Oberfläche filtern sie Aerosole besonders gut. Um die neue Produktionsstraße, die erste ihrer Art in Europa, so schnell wie möglich an den Start zu bekommen, wurde rund um die Uhr gearbeitet: Seit Sommer 2020 kann Sandler zertifiziertes Maskenvlies für jährlich 600 Millionen Masken produzieren. Das auf die Beine zu stellen, war ein Kraftakt. Sandler ist essenzieller Teil des Maskenverbunds Bayern, einem Netzwerk von drei Unternehmen, die die Maskenproduktion in Bayern von A bis Z realisieren. Natürlich sind Maskenvliese ein Geschäft, aber die Art, wie das Unternehmen in der Krise agiert, zeigt:
SANDLER ÜBERNIMMT VERANTWORTUNG.

„Ich habe mich gefreut, wie flexibel meine Mitarbeiter sind“, sagt Dr. Christian Heinrich Sandler. Unter größtem Zeitdruck wurden neue Teams gebildet und Lösungen erarbeitet – während der Arbeitsalltag parallel völlig umgekrempelt wurde. „Wir haben im ersten Lockdown sofort auf Home-Office umgestellt, auf Video-Konferenzen, haben externe Besuche verboten, unsere Mitarbeiter mit Masken ausgestattet. Die Pandemie hat uns zum digitalen Office verdonnert. Und die Mitarbeiter haben das gestemmt.“ SANDLER BEWÄLTIGT TRANSFORMATIONSPROZESSE.

Dr. Christian Heinrich Sandler heißt nicht nur wie sein Urgroßvater und Vater. In den Sandler-Genen muss, so unterschiedlich diese Männer waren, etwas Gemeinsames liegen: Der Zug zum Unternehmertum, Weitblick, Führungsstärke. SANDLER IST SEIT ÜBER 140 JAHREN FAMILIENGEFÜHRT. Das bedeutet nicht nur Tradition, sondern eine spezielle Bindung der Familie an das Unternehmen, hinter dem Dr. Christian Heinrich Sandler steht. Er hat als kleiner Bub zwischen den Arbeiterinnen gespielt. „Die Gerüche der Wattefabrik habe ich immer noch in der Nase, das bescheidene Büro meines Vaters vor Augen.“ Von Beruf Sohn, das gab es für Christian Heinrich Sandler nie, er musste sich im Unternehmen hocharbeiten. Das habe seine Art, mit Mitarbeitern umzugehen, bis heute geprägt.

„Wir brauchen junge Leute“, sagt Dr. Christian Heinrich Sandler. Bei insgesamt 940 Mitarbeitern zählt die Sandler AG 46 Auszubildende.

SANDLER IST STANDORTTREU. Vor dreißig Jahren wirft die Wiedervereinigung die Frage auf, ob man den Standort hält oder ein paar Kilometer weiter in die neuen Länder zieht und enorme Förderungen in Anspruch nimmt. Sandler verzichtete auf Millionen und bleibt seiner Heimat treu. Das Unternehmen ist nicht nur Arbeitgeber, sondern in der Stadt und in Hochfranken seit Jahrzehnten an vielen Stellen verlässlicher Sponsor; eine eigene Stiftung setzt sich für wohltätige Zwecke ein. Dr. Christian Heinrich Sandler ist in den örtlichen Vereinen engagiert. Er sagt: „Ich bin Schwarzenbacher.“

SANDLER BIETET KARRIERECHANCEN. 940 Mitarbeiter, 46 Azubis, sieben Studenten absolvieren ein duales Studium, es gibt elf Werkstudenten, eine Masterandin, eine Bachelorandin, drei Hochschulpraktikanten. „Wir brauchen junge Leute.“ Die Sandler AG ist bereits in Grundschulen präsent, in der Mittelstufe basteln Azubis mit Schülern an elektronischen Bauteilen, zerlegen einen Computer, bauen eine Gegensprechanlage, wecken das Interesse an Technik. Auch die Kontakte zu den Hochschulen sind eng. Für das Textiltechnikum am Campus Münchberg hat Sandler dreißig Jahre gekämpft. Die moderne technische Ausstattung zieht jedes Jahr junge Leute an, die mit dem Studiengang Innovative Textilien die Grundlage für eine Karriere in der Textilbranche legen. Sie forschen an den Vliesen der Zukunft, z.B. in Verbindung mit Carbonfasern. „Jeder Student, der bei uns eine Bachelor- und Masterarbeit schreibt, darf sie den Vorständen und Bereichsleitern vorstellen. Das sind oft tolle Arbeiten!“. Die mittelständische Industrie bietet jungen Leuten aus Sandlers Sicht einen großen Vorteil: „Im Gegensatz zu großen Konzernen fällt man bei uns leichter auf. Wenn jemand Potenzial hat, wird das gesehen.“ Von seinen Mitarbeitern erwartet er, „dass sie sich reinknien, zuverlässig sind und, immer wichtiger: dass sie empathisch sind, sich in Teams sozial kompetent verhalten.“ Und die Sandler AG schätzt Nachwuchskräfte aus Hochfranken: „Sie haben unsere Mentalität. “

Weich, fest, flexibel, voluminös: Sandler-Vliesstoffe sind so vielseitig wie ihre Anwendungen.

Die High-Tech-Maschinen im Unternehmen sind ohne die Kompetenz der Mitarbeiter nicht viel wert – ein Punkt, den Dr. Christian Heinrich Sandler immer betont. Know-how und Arbeitsmoral sind zentral. „UNSERE MITARBEITER IDENTIFIZIEREN SICH MIT DEM UNTERNEHMEN, umgekehrt haben wir auch einen persönlichen Bezug zu ihnen. Ich bin nicht nur verantwortlich für über 900 Mitarbeiter, auch ihre Familien sind mir wichtig.“

Sandler hat die Bedeutung von Employer Branding verstanden und stellt seine Attraktivität als Arbeitgeber entsprechend dar. Dr. Christian Heinrich Sandler ist es aber auch wichtig, dass im Haus ein gutes Klima herrscht. Ein Leitfaden über gegenseitigen Respekt liegt nicht einfach in der Schublade, seine Umsetzung wird viermal im Jahr gecheckt. SANDLER BLEIBT SELBSTKRITISCH. „Wir sind alle Menschen, und gut miteinander umzugehen, ist etwas, worum wir uns immer wieder bemühen müssen, quer durch die Hierarchien. Wenn in Schwarzenbach in einem Sportverein geschimpft werden würde, in welchem unfairen Betrieb man da arbeitet, ganz ehrlich – dann würde uns das ganze Employer Branding nichts nützen.“

Und die Zukunft? „Was kommt, weiß niemand“, sagt Dr. Christian Heinrich Sandler. „Unser Wettbewerb schläft nicht“, die Märkte sind im Umbruch, alles fließt. Fest steht erstens: Eine langfristige Planung und die nötige Flexibilität, um auf unerwartete Situationen reagieren zu können, haben sich bewährt. Den Werten, für die die Sandler AG seit über 140 Jahren steht, will sie treu bleiben. Zweitens: Die technischen Möglichkeiten von Vliesstoffen sind noch lange nicht ausgereizt. Alles vliest.